Der langsame Tod der Facebook (Tab-)Apps

Es sieht so aus, als würden Facebook Tab Apps nach 2-jährigem Todeskampf nun endlich von ihrem Leid erlöst. Aber kommunizieren Social Media "Insider" das auch unmissverständlich an ihre Kunden & Leser?

Unglaublich aber wahr: seit 2 Jahren sprechen “Die Socialisten” (ich persönlich etwa hier & hier) und weite Teile der aufgeklärten Facebook Marketing Welt davon, dass Facebook Tab Apps ihren Zenit längst überschritten haben. Wir versuchen unseren Kunden (mal mehr, mal weniger erfolgreich) aufzuzeigen, dass Facebook Pages eben nicht die “Homepage einer Marke auf Facebook” sind, die man mit mehr oder weniger sinnvollen “Unterseiten” – eben Tabs – aufmotzen muss (mein persönlicher Favorit aus 6 Jahren FB App Development: der oft angefragte “Filialfinder”). Spätestens mit der seit 2012 dramatisch steigenden mobilen Nutzung von Facebook in Kombination mit der schlichten Tatsache, das Page Tabs am mobilen Facebook Client nicht angezeigt werden, hat sich das auch bis in die Reihen weniger social-media-affiner Marketing Entscheider durchgesprochen. Mit der letztwöchigen Ankündigung der Graph API v2.1, fällt nun mit dem Fangate  (jenem Mechanismus der den Klick auf “Like” zur Voraussetzung für die meisten Gewinnspiele machte) einer der letzten real argumentierbaren Gründe für Tab Apps weg (was bleibt: Tabs als Landingpage für Facebook Ads, naja). Es sieht also so aus, als würden Tab Apps nach 2 -jährigem Todeskampf nun endlich von ihrem Leid erlöst (oder die Benutzer, wie man das auch immer sehen möchte).

Und dann kommt socialBench, titelt “Facebook-Apps für Unternehmen: Vom Straßenfeger zum Ladenhüter” und macht damit ungezählte Stunden der Aufklärungsarbeit (“Was ist eine Facebook App?”, “Wo, ausser in Tabs, können FB Apps stattfinden?”…) wieder zu Nichte ;) Die von socialBench erhobenen Zahlen lassen “Facebook Apps”  in keinem guten Licht stehen. Etwa: “75 Prozent der ausgewerteten Apps hatten an keinem einzigen Tag im Juli mehr als 24 Aufrufe.” – oje, sind Facebook Apps also tot & “Die Socialisten” arbeitslos? Mitnichten. Die von socialBench erhobenen Zahlen beziehen sich ausschließlich auf Tab Apps, und hier wiederum auf ein Sample von 350 deutschsprachigen socialBench Kunden. Das “Tab Apps” eine (kleine) Untermenge von “Facebook Apps” sind, hätte in einem solch reisserischen Artikel ebenso Erwähnung finden müssen wie die Tatsache, dass die faktisch mangelnde mobile Sichtbarkeit in der Praxis bedeutungslos ist (da die Page selbst der unwichtigste Eintrittskanal auf Tab Inhalte ist, und der Weg über Links & Newsfeed trivial mit Browser-Weichen gesteuert werden kann – wie von Johannes im Januar 2013 dokumentiert). Natürlich wissen die Jungs bei socialBench das, genauso wie Thomas Hutter der das Thema in seinem Artikel glücklicherweise auf “Tab Apps” konkretisiert. Aber wenn nicht mal wir “Insider”  in der Lage sind, längst bekannte Sachverhalte der Facebook Plattform nüchtern und exakt darzustellen, wie wollen wir dann unsere Kunden beraten?

Wie auch immer, Sandro Guenther, dessen Werbeboten.de als App-Baukasten ein natürliches Interesse an einer Gegendarstellung hat, bat mich um einen Kommentar zum socialBench Artikel – sehr gerne!

Die von socialBench veröffentlichten Zahlen erscheinen auf den ersten Blick dramatisch, erweisen sich bei näherem Hinsehen aber als kaum stichhaltig, sogar irreführend. So wird leider – wie so oft, auch von “Insidern” – mit ungenauen Begrifflichkeiten gearbeitet. Im Artikel ist von “Facebook Apps” oder schlicht “Apps” die Rede, die kaum Aufrufe erzeugen und sich daher für Unternehmen nicht mehr “lohnen”.In Wirklichkeit trifft dies wohl ausschließlich auf die Page Tabs der 350 untersuchten socialBench Kunden zu.

Erfolgreiche Facebook Apps werden 2014 aber nicht primär in Page Tabs, sondern als Microsites, mobile Apps, Websites etc. umgesetzt. Das diese Inhalte bei sauberer Umsetzung (Stichwort mobile Weichen, siehe dieser Post aus dem Januar 2013 sowohl mobile als auch im Tab laufen, sollte sich mittlerweile rumgesprochen haben. Für “Die Socialisten” sind Tab-Apps also seit 2012 Inhalte, die eben “zufällig” auch in 810px breiten Facebook Tabs gut aussehen.

Es ist daher völlig irrelevant wie oft oder selten Page Tabs tatsächlich angeklickt werden – viel mehr kommt es auf die darin enthaltenen Inhalte, die technisch einwandfreie Umsetzung auf allen Devices und nicht zuletzt die optimale Nutzung der FB Distributionsmittel (paid & organisch) an. Gemessen wird der Erfolg am Ende des Tages nicht an den von Facebook Page Insights ausgegebenen Tab-Klicks, sondern am Traffic der tatsächlich erzeugt wurde (Unique Visitors laut Google Analytics o.ä.) – egal ob dieser direkt, mobile, via Such-Maschine, oder tatsächlich über ein Tab gekommen ist.

Natürlich machen sich auch “Die Socialisten” Gedanken über die Zukunft der Facebook (Marketing-)Apps – immerhin sind wir seit 2008 auf der Plattform aktiv (Jan Firsching hat die Chronologie der FB Plattform unlängst schön zusammen gefasst). Wie in meinem Talk auf der AllFacebook.de 03/2013 (“5 Ideen für die Zeit nach 
Tabs & Newsfeed-Krise
”) dargestellt, sehen wir erfolgreiche “Facebook Marketing Apps” heute vor allem außerhalb von Facebook.com – etwa native mobile Apps mit FB Login, Widgets mit sozialen Features oder unser aktueller Dauerbrenner, die Hashtag Kampagne. All diese Apps finden nicht in Tabs statt, sondern meist auf eigene Websites, Microsites etc. Natürlich nutzen sie aber die Distributions-Möglichkeiten der Plattform (sei es durch Open Graph oder schlichte Shares) um organische Verbreitung im Newsfeed zu erreichen. “Ladenhüter” (nach socialBench) sind Facebook Apps also 2014 nur dann, wenn man als Dienstleister auch heute noch an den Konzepten von 2012 festhält – und das finden “Die Socialisten” aus Benutzer- wie aus Agentursicht eigentlich recht gut! :)

Hier noch mal alle relevanten Links zum Weiterlesen:

About Author

Michael Kamleitner

Michael Kamleitner is CEO & Product Manager at Swat.io, a Social Media Management solution that’s helping companies to improve their customer support & content management on Facebook, Twitter, Instagram and others. Swat.io is currently used by companies such as 3Österreich, Hitradio Ö3, ÖBB, Focus Online and Burda Intermedia. Follow Michael on Twitter, Facebook or Google+!

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